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vaddis opel 4/20 von 1928

#4
opel 4/20

Hannibal und Bismarck

Automobilistische Freiheiten im totalitären politischen System des realen Sozialismus

Eine wahre Opel 4/20 –
History

von Rainer Hageni 2010

An einem Herbsttag des Jahres 1964 entdeckte ich in unserer SED- Tageszeitung für den damaligen Bezirk Dresden, der „Sächsischen Zeitung“, eine interessante Annonce:
„Verk. Auto, geeig. f. Student, Preis 50 MDN... „
Ich machte mich sofort auf die Socken und klingelte an dem großen Gartengrundstück vor den Toren der Bezirkshauptstadt. Ein älterer Mann in Arbeitssachen öffnete und führte mich zu einer Hühnervoliere. Dort stand zwischen Gerümpel und all dem, was zu einer umfangreichen Geflügelhaltung nötig ist, ein schmutzig graues handgestrichenes Opel 4/20 – Kabrio. Zwei der nützlichen Eier legenden Hausgeier flüchteten erregt gackernd von den Vordersitzen, deren zerschlissenes Faltdach mit alten Brettern belegt war. Der Besitzer fand die Kurbel, öffnete den Benzinhahn. Bat mich, nach Öffnung der Motorhaube mit einem alten Lappen den Luftfilter zu verschließen, nachdem er kurz getippt hatte. Dann drehte er schnell mit der Kurbel und der Motor lief. Vor Aufregung vergaß ich, nach weiteren technischen Details zu fragen. Der 50 MDN- Schein, der Kfz- Brief und die Zulassung wechselten den Besitzer und ich rollte mit dem klapprigen, schon zu dieser Zeit äußerst ungewöhnlich nerschen (d,h. sächs. närrischen) Gefährt mit einem Baujahr vermutlich zwischen 1928 und 1931 heimwärts. An einer Straßenbahnhaltestelle bemerkte ich voller Schrecken die Hilflosigkeit desSeilzugbrems-systems. In die damals üblichen Schlaglöcher tauchte das schwankende Gefährt ohne Stoßdämpfer wie eine Kutsche aus dem 18. Jahrhundert ein.

Meine Hausgenossen und Nachbarn erklärten mich nach der Ankunft für völlig verrückt. Das Fahrzeug gehörte ja nach Aussage der Männer meiner Umgebung , die als Kriegsteilnehmer über gewisse Kfz- technische Fronterfahrungen verfügten, zu denen, auf die die glorreiche Wehrmacht schon 1939 verzichtete, da sie hoffnungslos veraltet wie z.B. das Modell Kommisbrot der Firma Hanomag bei der beabsichtigten Welteroberung nur im Wege waren.
Als ich kurz darauf mit meiner Neuerwerbung meinen Busenfreunden Felix und Lothar einen Besuch abstattete, waren diese die ersten Menschen meiner Umgebung, die angesichts dieses Wagens vor Entzücken und Begeisterung vollkommen hin und her gerissen waren. Felix erfuhr, dass die Meißner Speditionsfirma Altermann über das gleiche Fahrzeug verfüge. Stehenden Fußes eilte er dort hin. 150 stattliche DDR- Mark, zu dieser Zeit im Unterschied zur DM MDN genannt, wechselten gegen das Auto den Besitzer. Nun hatte mein von mir in Erinnerung an den eisernen Kanzler auf den Namen Bismarck getauftes Gefährt seinen Bruder Hannibal erhalten. Wir reparierten hölzerne Schweller und Türsäulen. Brannten den Lack ab - es gab noch keine Heißluftpistolen! Wechselten Pleuellager, ließen Zylinder schleifen und Kolben gießen. Aus alten Panzerkolben, weil das als besonders gutes Material galt. Trugen unendlich viele Einzelteile von verschrotteten 4/20 - und 4/16 - Opelmodellen zusammen. Wir lackierten und montierten, schraubten und probierten - eines Tages standen zwei fast identische Opel 4/20 - Kabrios in edlem Schwarz mit appliziertem Weinrot auf der Straße.

Es war dies die Zeit, da in Ost – und Westdeutschland noch als Nationalitätenkennzeichen das gemeinsame „D“ galt. Zu dieser Zeit nach dem schrecklichen Bau der Mauer waren für uns DDR- Bürger nur noch Individualreisen in die sogenannten Bruderländer Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien möglich. Für Polen benötigte man eine spezielle Einladung und in die UdSSR, das Vaterland der Werktätigen, reiste man nur mit organisierten Gruppenreisen. So fuhren wir 20 Jahre nach dem furchtbaren letzten Krieg mit unseren wohl 35 Jahre alten Oldtimern über die Hohe Tatra, die Donau und Budapest zum Balaton, wie der Ostdeutsche ganz richtig den ungarischen Plattensee nannte. Irgendwo im Tschechischen verloren wir uns aus dem Blick. Hannibal war wohl an diesem Tag etwas schneller als Bismarck. Ich fragte eine ältere böhmisch- ländliche Bürgerin, ob sie das gleiche Auto schon habe vorbei fahren sehen . Sie antwortete wild gestikulierend in gebrochenem Deutsch mit ihrem tschechischen Akzent: „Die anderen deutschen Soldaten sind schon durch!“ Deutsche automobile Uniformität erweckte in ihr offensichtlich falsche Erinnerungen.
Am Plattensee durften wir unsere stolzen Gefährten direkt am Badestrand im Wasser waschen. In uns vermutete man mit dem Nationalitätenkennzeichen „D“ Devisen bringende westdeutsche Snobs.
Die Polizei der Bruderländer behandelte uns immer zuvorkommend. Vier junge Männer in ihren zwei tollen Kisten mit jeweils zwei außenliegenden Schwiegermuttersitzen ließen natürlich auch manches Mädchenherz höher schlagen. Wir fühlten uns frei trotz der bornierten Enge des verquasten kleinkarierten Sozialismus, der seine Bürger an den innersozialistischen Grenzen mehr drangsalierte als die westlichen Klassenfeinde. Dabei bleiben wir an diesen Grenzen auf Grund der ungewöhnlichen Opel 4/20- Kameraden Hannibal und Bismarck von solchen Misshelligkeiten weithin unberührt – wir erlebten automobilistische Freiheit einer Jugend in unfreier Zeit.
Bismarck ging in den Jahren verloren. Hannibal lebt noch. Er holte unsere Kinder nach ihrer Trauung in Berlin von der Kirche ab. Das war im Sommer 2010. Jetzt ist Hannibal mindestens 80 Jahre alt.

Werde ich seinen 100. Geburtstag noch erleben?

text: vaddi rainer hageni
video: philipp hageni

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